Mit einem Klotok zu den Orang Utans

Mittwoch, 15. August 2018


Ein Klowas? Nein, das hat nichts mit einer Kloschüssel zu tun. Es ist ein indonesisches Hausboot. Aber dazu kommen wir später. Erstmal von vorne: Wir verlassen unser "Snackdorf", mit einem Local Bus gehts ins anscheinend sechs Stunden entfernte Surabaya. Die Fahrt im Local-Bus ist heiß und eng. Hier wird auf eine Klimaanlage verzichtet. Dafür ist dieser Bus ein wahres Raumwunder:
Fünf statt vier Sitze in einer Reihe. Naja die Indonesier sind nicht die Größten, eng wirds trotzdem. Fliegende Verkäufer und Straßenmusikanten, die in verschiedenen Stationen zu- und aussteigen, lockern die Fahrt aber immer wieder auf. In den geplanten sechs Stunden haben wir's knapp nicht geschafft. Zwölf Stunden hats gedauert.




Von Surabaya aus fliegen wir nach Südborneo. Beim Landeanflug auf Pangkalan Bun sehen wir bereits einige Palmölplantagen. Komplett geradlinig reiht sich eine Palme an die nächste. Reine Monokultur. Sie sind der größte Feind der Orang-Utans. Wegen diesen lukrativen Pflanzen werden minütlich zig Hektar von Regenwald gerodet, nicht nur hier in Kalimantan sondern auf der ganzen Welt. Somit schwindet der Lebensraum der Orang-Utans zusehends und auch die Zahl der lebenden Tiere geht kontinuierlich zurück. In Borneo kann man noch die letzten in freier Wildbahn lebenden Orang-Utans sehen. Auch wir wollen diese dem Menschen so ähnlichen Geschöpfe live sehen.


Um 8:00 Uhr morgens steigen wir aus dem Flugzeug. Ein heißer, schwüler Tag kündigt sich an als wir das kleine Flughafengebäude in Südborneo verlassen und uns auf den Weg zum Tanjung Puting Nationalpark machen. Ein Taxifahrer wartet bereits auf uns, er bringt uns zu unserem Touroperator Fardi. Bei ihm haben wir eine dreitägige Hausboot-Tour gebucht. Mit einem Klotok, einem traditionellen indonesischen Flussboot, schippern wir drei Tage lang den Sekonyer-Fluss im  Nationalpark flußaufwärts. Dabei schlafen und essen wir auf dem Boot und machen Stopps bei Orang-Utan Forschungs- und Rehabilitationszentren. Dort gibt es täglich Fütterungen mit Bananen, wo wir dabei sein dürfen. Freu!

Am kleinen Hafen angekommen, wartet bereits unser Boot auf uns. Mit Kenan, einem gut gelaunten Iren, teilen wir uns das Boot. Mit an Bord sind noch Husni unser Guide, eine Köchin, ein Kapitän und zwei weitere Besatzungsmitglieder. 


Los geht die Fahrt und nach knapp zwei Stunden erreichen wir auch schon die erste Fütterungsstation. Einige andere Tourboote haben bereits beim Steg angelegt. Wir finden aber noch einen freien Parkplatz für unser Klotok. Voller Vorfreude marschieren wir ein Stückchen in den Regenwald hinein. Bei der Fütterungsplattform angekommen, liegen bereits die Bananen bereit. Wir hocken uns auf den Boden und warten gespannt, bis sich der erste Orang-Utan zeigt. Husni bezeichnet die um die Station lebenden Orang-Utans als "semi-wild". Das heißt es gibt keine Zäune und Gehege, die Orang-Utans können gehen und kommen wie sie wollen, aber es gibt Futter für sie. Klug wie sie sind, lassen sie sich das nicht entgehen.


Alle haben wir unseren Blick nach oben gerichtet, ins Dichte grün des Dschungels. Die Guides imitieren die Rufe der Orang-Utans, um sie anzulocken bzw. ihnen zu sagen "Essen ist fertig". Einige Zeit verstreicht, bis wir endlich ein Rascheln über uns in den Baumwipfeln hören. Sofort halten wir Ausschau nach einem Affen, können aber noch nichts erkennen. Sekunden später sehen wir schon das erste Fleckchen braunorangen Fells durch das Dickicht huschen. Wie aus dem Nichts taucht er plötzlich vor uns auf und hängt lässig an einem Baumstamm. Ein freudiges wow geht durch die Runde, die Gesichter der Besucher und auch unsere beginnen zu strahlen. Alle zeigen mit dem Finger in die Richtung des Orang-Utans, damit auch der Letzte ihn entdeckt. Langsam bewegt sich das Männchen Richtung Fütterungsplattform. Dabei behält er uns, seine begeisterten Zuschauer, immer gut im Blick. Angekommen bei den Bananen, verspeist er gierig eine nach der anderen. Gleich drei Bananen auf einmal verschlingt er hastig, so als würde gleich sein großer Bruder kommen und ihm alles wegfressen. "Was denkt sich glaubst der Affe über uns, wo wir ihn so begeistert beim Bananen fressen beobachten und fotografieren?" flüstere ich zu Roland rüber, da es bei der Fütterung möglichst still sein soll. "Ha, der denkt sich wohl was sind DAS für Affen und was wollen die von mir, nicht mal in Ruhe essen kann man noch"😂. Hach, wir werden es wohl nie erfahren, was in seinem Kopf vorgeht.



Als der Affe hört, dass ein anderer Orang-Utan sich auf den Weg zur Fütterungsplattform macht, stopft er sich den Mund so voll wie es nur geht, packt in die rechte Hand noch so viele Bananen wie möglich und schwingt sich auf einen Baum. "Orang-Utans don't eat together", erklärt uns unser Guide Husni. Also muss dieser Orang-Utan schnell Meter gewinnen und noch ordentlich Bananen bunkern. Als später eine Mutter mit ihrem kleinen Affenbaby auftaucht, ist Kreischalarm pur angesagt.
Orang-Utan heißt auf Indonesisch übrigens Waldmensch. Unsere DNA ist sogar zu 97 % mit ihrer ident. Als die Orang-Utans so vor uns sitzen, merken wir wie ähnlich die Mimik, Gestik und Verhaltensweise zu uns Menschen ist.






Eine Folge "Universum" live 

Vollkommen begeistert von der Fütterung wandern wir zu unserem Hausboot zurück. Die Flussfahrt geht weiter. Ich dachte mir ja, die Orang-Utans sind das Highlight der Tour und die Flussfahrt ist so ein "nice to have" aber nichts besonderes. Aber die Fahrt ist soooo toll. Dieses Gefühl vorne am Bug zu sitzen ist einfach nur herrlich. Die Füße baumeln in der Luft, der Fahrtwind bläst einem angenehm ins Gesicht. Ganz gemächlich tuckern wir den dunkelbraunen Senkonyer-Fluss entlang. Neben uns zieht auf beiden Seiten ein wunderschöner tropischer Regenwald vorbei. Kein Internet, kein Handyempfang. Nur dem hier und jetzt, dem Regenwald und den Orang-Utans schenken wir unsere volle Aufmerksamkeit. Mit einer Tasse Kaffee in der Hand sitzen wir vorne am Bug und hoffen, Orang-Utans, Nasenaffen und Krokodile zu erspähen.



„Es ist wie eine Folge "Universum" schauen wenn man hier vorne sitzt“ sage ich zu Roland. Hören wir einen Affen schreien,  suchen wir sofort in den Baumwipfeln nach ihm. Direkt neben uns haben wir sie auch schon entdeckt. „Is it a proboscis monkey?“ fragt Roland unseren Guide. Ja, wir haben Glück - diese Nasenaffen gibt es nur in Borneo. Sie sehen echt lustig aus, ihr Zinken ist einfach, sagen wir mal, wunderschön 😂. Auch die Wasseroberfläche lassen wir nicht aus dem Blick. Krokodile leben hier und wir wollen natürlich eins entdecken. Aus sicherer Entfernung versteht sich. „Da schau, hier…oh nein, doch nicht“ gehts die ganze Zeit, zig mal verwechseln wir einen Ast mit einem Krokodil. 


Nasenaffen leben nur auf Borneo


Nachts am Fluss

Es beginnt zu dämmern und die Crew macht sich an die Arbeit, unser Matratzenlager aufzubauen. Kenan, Roland und ich sind sehr erleichtert, als wir das lückenlose Moskitonetz sehen, dass sie sorgfältig um das Bett spannen. Schließlich schlafen wir am Boot, mitten im Fluss der umgeben von Dschungel ist. Da schläft man doch etwas tiefer, wenn man weiß dass ein Moskitonetz gespannt ist. Zusätzlich bearbeitet die Crew noch die ins Boot hängenden Äste und Seegras mit einer Machete, um ungebetenen Gästen, wie etwa Schlangen (!), den Weg zu erschweren.


Nein, das ist nicht Omis alter Vorhang - das ist unser topschickes, rosa Moskitonetz

Die Geräuschkulisse in der Nacht ist einfach der Hammer. Kenan steckt sich sogar Ohrstöpsel rein, weil soviele Insekten, Grillen und weiß Gott was surren, kreischen, brummen. Auf mich haben diese Laute eher eine beruhigende Wirkung, ich schlafe tief und fest wie ein Baby.

„In the night the monkeys swim from one side of the river to the other. Sometimes they got caught by a crocodile“ erzählt uns Husni. Ich bilde mir ein, in der ersten Nacht einen Affen ganz laut aufschreien gehört zu haben und anschließend ein wildes Plätschern im Fluss. Gott sei Dank können die Krokodile nicht an Board kommen, so wie man das aus Hollywood-Filmen kennt. Mit einem etwas mulmigen Gefühl schlafe ich doch wieder ein. Nächsten Tag frage ich die anderen, ob sie das Affengeschrei auch gehört haben und alle haben nichts gemerkt. Vielleicht war es doch nur in meiner Fantasie?

Am letzten Morgen wachen wir von einem Rascheln in den Bäumen auf. Die Nasenaffen verspeisen bereits ihr Frühstück. Sie zupfen sich Blätter von den Bäumen. Im Pyjama krabbeln wir aus unserem rosa Moskitonetz hervor, holen uns einen Kaffee, setzen uns an unseren Lieblingsplatz vorne beim Bug und beobachten die Affenfamilie. Draußen daheim.



Während wir uns in einem gemächlichen Tempo dem nächsten Rehabilitationszentrum nähern, serviert uns die Crew Omelette, Pancakes und Drachenfrucht. Wie das halt so ist auf Flussfahrten, winken wir anderen vorbeifahrenden Booten zu. Fährt ein Klotok mit indonesischen Touristen vorbei, bricht immer ein lautes Jubeln und Winken aus. Wie verrückt winken sie uns zu und ihre lachenden Gesichter strahlen uns entgegen. Tja, was die Orang-Utans für uns sind, sind wir für die Indonesier 😂





Im bekannten Orang-Utan-Forschungszentrum Camp Leaky erinnert uns die Fütterung eher an einen Kinosaal. Finden wir jetzt nicht so prickelnd. Fehlt nur noch, dass es Tickets für die unterschiedlichen Reihen gibt und jemand Popcorn und Eis verkauft 😂

Am Abend versucht Kenan verzweifelt, unser Abendessen zu angeln. Man muss dazusagen, es ist das erste Mal, dass er eine Angel in der Hand hält. Behauptet er zumindest. Beim ersten Versuch schmeißt er die Angelschnur samt Köder in den Baum und bekommt sie nicht mehr los. Beim zweiten Mal fängt er was. Begeistert und selbstbewusst zieht er den Fang aus dem Wasser. Es ist aber nur so eine Art braun-oranges Gestrüpp das aussieht wie Fell. „Nice job, you catched some Orang Utan Extensions“. Ihr könnt euch denken, dass wir Tränen gelacht haben.



Umso tiefer wir in den Nationalpark vordringen, umso schwärzer und furchteinflößender wird die Farbe des Flusses. „Do not swim, there are crocodiles“ lesen wir auf vielen Warnschilder. Keine zehn Pferde brächten mich dazu, auch nur einen kleinen Zeh in dieses tiefschwarze Flusswasser zu setzen. 
Am letzten Tag höre ich ein lautes Blopp, als ich vom Zähneputzen aus dem Bad komme. Etwas erschrocken schaue ich sofort über die Bordkante, was das war. Ich sehe nur noch den dunklen Haarschopf unseres Kapitäns unter Wasser. OMG?! Was macht der im Krokodil-Fluss? Ich bin total verwirrt, ob er jetzt freiwillig reingesprungen ist oder nicht, da ich ihn kurz vorher nur in seiner grünen Unterhose stehen sehen hab. Es wirkte, als wollte er baden gehen. Derweil ich noch überlege wie ernst die Lage ist und ob ich Hilfe schreien soll, taucht der 50-kg-Mann mit einem breiten Grinsen auf, wischt sich einmal um das Gesicht mit seinen Händen und beendet seine morgendliche Naturdusche. Puh, Erleichterung.
Zum Glück gibts für uns eine Dusche an Bord. Zwar lebt dort eine fette, schwarze Spinne deren Augen nachts leuchten. Aber immer noch besser als im Kroko-Fluss waschen.


Der rechte Kollege ist unser mutiger Kroko-Taucher.
Orang-Utan Bilder hängen im ganzen Boot 💓

"Sollen wir nicht einfach ein Boot chartern?"

Am dritten Tag haben wir schon fast die Hoffnung aufgegeben, ein Krokodil zu sehen. Entspannt sitzen wir an Deck, quatschen mit Kenan und genießen die letzten Stunden auf unserem Hausboot. Plötzlich springt ein Crewmitglied auf eine Seite des Bootes und schreit etwas auf indonesisch. Der Kapitän stellt den Motor auf Leerlauf, Husni huscht an uns vorbei und deutet auf etwas im Fluss, ungefähr 2 Meter vor uns. Erst können wir gar nichts erkennen, alles sieht aus wie Pflanzenwurzeln. Dann bewegt sich ganz langsam etwas im Wasser. Ein drei Meter langes Krokodil. Wuahhhh. Wie froh wir alle sind, hier auf dem Boot zu stehen. 



Drei Tage schippern wir in unserem Klotok den schwarzen Senkonyer flussaufwärts. Nur Dschungel umgibt uns, wir sind komplett abgeschieden von der Zivilisation. Kein Internet, kein Handyempfang. Nur ein paar andere Boote sind unterwegs. Allein der Regenwald mit seiner faszinierenden Tier- und Pflanzenwelt beschäftigt unsere Köpfe und Herzen. Wir verlassen den kleinen Flussarm und biegen in den größeren Flussarm ein, der uns zurück zum Dorf Kumai bringt. Zurück in die Zivilisation. Es fühlt sich an, als würden wir wieder eine andere Welt betreten. „Hilfe, es gibt wieder Internet“ scherzt Kenan. Die Tour ist viel zu kurz und wir schmieden Abenteuerpläne, um noch weiter, noch tiefer in den Regenwald reinzukommen mit dem Boot. „How much is a boat if we want to buy one?“ träumen wir. Ungefähr soviel wie ein Kleinwagen meint unser Guide. Wenn wir alle drei zusammenlegen könnten wir es zusammenkratzen. „Sollen wir nicht einfach ein Boot chartern und weiter Richtung Norden, noch tiefer in den Regenwald schippern, bis wir irgendwann in Nordborneo rauskommen?“ Das wär mal ein Abenteuer. 

Zurück im Dorf Kumai schleicht sich ein zermürbender Gedanke in unseren Köpfen ein: Wahrscheinlich haben unsere Kinder nicht mehr die Chance, die Orang-Utans in ihrem natürlichen Umfeld zu sehen. Ihr Lebensraum, der Regenwald, ist bis dahin möglicherweise komplett zerstört. Ein Hauptgrund für die Abholzung in Kalimantan sind die Palmölplantagen. Es ist unglaublich, in wie vielen Produkten Palmöl enthalten ist. Durchforstet mal euren Vorratsschrank, es ist einfach irre. Ein Anfang wäre es, künftig auf Produkte zu verzichten wo Palmöl drinnen ist. So hätten die Orang-Utans vielleicht eine Zukunft.



Fast ein Monat aufregender Erlebnisse in Indonesien liegt hinter uns. Wir haben gesurft, Yoga gemacht, beeindruckende Reisterrassen und Wasserfälle gesehen, das balinesische Neujahr gefeiert. Aber unser einmonatiges Visa läuft bald aus. Wir haben noch nicht genug von diesem schönen, abwechslungsreichen Land. Daher reisen wir für einen Wochenend-Städtetrip kurz aus, um danach wieder für weitere 30 Tage in Indonesien einreisen zu dürfen. Ein kleiner Tipp vorneweg: Es geht in die sauberste und geordnetste Stadt Südostasiens. 






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