Nervenaufreibender Weg zum Vulkan Ijen

Dienstag, 7. August 2018


Wir verlassen unsere Chilleax-Surf-Yoga-Clean Eating-Blase in Bali. Es geht ins "echte" Indonesien, wie uns schon viele andere Traveler erzählt haben. Tschüss, Instagram-Bude, Tschüss Superfood-Smoothies, Lebewohl Foodporn. Jetzt gibts wieder
Reis, schön fettig und mit flachsigem Fleisch - die indonesische Mama würde sagen „Endlich mal wieder was gscheites zum Essen". Etwas kribbeln schleicht sich in unseren Bäuchen ein, wenn wir an all das Ungewisse und Unkomfortable in der Welt da draußen, abseits der coolen Bali-Touriszene, denken. „Das was wir hier in Bali haben, ist Urlaub. Das andere ist Reisen“, besser hätte es Roland nicht beschreiben können. Jetzt gehts wieder los, das Abenteuer Reisen, wo jeden Tag etwas Neues auf uns zukommt und viele Überraschungen warten.  

Wir verabschieden uns von unserer „Instagram-Bude“ in Canggu, am liebsten hätten wir jedes Detail fotografiert und gepostet. Wir gehen noch ein letztes Mal in die Yogaklasse am Morgen. Bei der Schlussentspannung sinken wir nochmal ganz tief in die Yogamatten, während die Yogalehrerin unseren Kopf mit einem Lavendel-Balsam einreibt. „Enjoy your breakfast“ sagst sie am Ende der Stunde und wir genießen ein letztes Mal das hausgemachte Kokos-Granola mit Kokosjoghurt und frischen Früchte, dazu den Juice of the Day.

Der Abschied von der Speise- und Getränkekarte fällt uns schwer. Wir lassen uns noch einen Choco-Nut-Shake to go einpacken. Ganz liebevoll haben sie den Becher zugeklebt, damit nichts ausläuft während der Busfahrt. Der #iamnotplastic-Strohhalm steckt auch drinnen. Hier wird Wert auf Umweltschutz gelegt. Alles mit Liebe zubereitet, nur natürliche, gesunde Zutaten kommen in den Shake. Uns wird nochmal ganz warm ums Herz und im Baucherl. 



Ein Homestay am A**** der Welt

Unsere Reise ins echte Indonesien geht los. Wir wollen von Bali auf die Insel Java, genauer gesagt in den Ort Banyuwangi. Von dort aus wollen wir den Vulkan Ijen besteigen. Der Plan war also so:
1. Mit dem Taxi zum Busbahnhof in Mengwi
2. Von Mengwi einen Bus nach Gilimanuk, wo die Fähren nach Java ablegen
3. In Java mit einem Taxi zu unserer Unterkunft in der Nähe von Banyuwangi fahren
Damit ihr nicht komplett verwirrt seid, hier eine Karte:


Als wir den Busbahnhof in Mengwi erreichen, wedeln schon ein paar Männer mit Tickets in der Hand. "Oh shit, jetzt geht die Keilerei los" haben wir uns gedacht. Eigentlich sollte das Ticket 50.000 Rupien (3 Euro) kosten. Sie wollten 150.000. Ok, erstmal eine Runde im Busbahnhof drehen, ein paar Leute nach dem Preis fragen und hoffentlich rausfinden, wo die billigen Bustickets zu kaufen sind. Leider war unsere Suche vergeblich. Eine Stunde später saßen wir im (teureren) Bus Richtung Banyuwangi. Das Positive (dachten wir uns zumindest in diesem Moment): das Busticket inkludiert die Fähre nach Java und wir kommen gleich direkt in Banyuwangi an. 
Mit einer halben Stunde Verspätung gehts endlich los. Nach der stressigen Herumfragerei und Verhandlerei war jetzt der mitgebrachte Choco-Nut Shake genau der richtige Seelentröster.

"Müssen wir jetzt umsteigen?!"

Nach vier Stunden erreichen wir die Hauptinsel Indonesiens - Java. Jetzt sollten wir eigentlich nur noch gut eine halbe Stunde Busfahrt vor uns haben. Wir fahren gerade mal von der Fähre runter, kommt der "Bus-Copilot“ zu uns und fragt: „Banyuwangi?“ - „Yes", antworten wir und fragen uns, wo denn die anderen Fahrgäste leicht hinfahren? Dann parkt der Bus am Straßenrand und der Bus-Copilot gibt uns zu verstehen, dass wir aussteigen sollen?! Hähh, haben wir jetzt was Falsches gesagt? "Wahrscheinlich müssen wir den Bus wechseln", sage ich zu Roland. Wir steigen aus und unsere Rucksäcke hat der Copilot bereits vom Kofferraum rausgeholt und auf die Straße geschmissen. So schnell können wir gar nicht schauen, geht die Tür des Busses zu und er fährt davon. WHAT? Was war das denn?
Da stehen wir auf der Straße mit unseren Backpacks, ungefähr 30 km von unserem Ziel entfernt. Nur wir beide. Ich bin noch immer baff und suche mal die Bustickets, was für ein Zielort oben steht. Ich kann nichts entziffern. Gekauft haben wir die Tickets jedenfalls nicht bis hier, wo wir gerade stehen. Hier gibts nämlich nix.
Vor uns hat schon ein schäbiger Minibus geparkt, der Fahrer fragt schon zum dritten Mal, wo wir hinwollen. „Kawa Ijen Guesthouse“ sage ich und halte ihm die Google-Maps Karte mit dem markierten roten Punkt hin, unserer Unterkunft. „No, too far“ meint er. Aber in die nächstgrößere Stadt (wo wir eigentlich glaubten, dass der Bus uns hinbringt) kann er uns mitnehmen. Ein Grab-Taxi (das ist wie Uber bei uns: Preise, die vorher fixiert sind, daher deutlich günstiger und keine Touriabzocke) war blöderweise auch keins in der Nähe. So sind wir mit dem Minibus in die Stadt Banyuwangi getuckert. 

Wo ist bloß unser Homestay?

Angekommen in Banyuwangi. Nächster Schritt. Jetzt müssen wir noch in unsere Unterkunft kommen. Das sind nochmal 20 Minuten Autofahrt laut google maps. Jetzt können wir es zumindest mit einem Taxi probieren. Wir bestellen uns ein Grab-Taxi. In drei Minuten soll es da sein. Währenddessen quatschen mich zwei junge Burschen an. „Where do you come from“ - „Austria“. „Oh, kann ich Deutsch mit dir sprechen?“ Der Bub hat sich selbst Deutsch beigebracht und wollte es etwas üben. Small Talk funktioniert super. Ich bin erstaunt, dass er alles versteht was ich sage. Roland unterbricht unsere Unterhaltung: "Der Grab-Fahrer hat gerade geschrieben. Schlechte Nachrichten. Das ist ihm zu abgelegen. Er will mehr Geld." Shit. Wir wollen aber nicht mehr zahlen.

Wir stehen verloren am Straßenrand, neben uns die Backpacks, mich bequatschen die zwei Jungs die unbedingt Deutsch üben möchten. Roland ist mit dem Grab-Fahrer am Verhandeln. Jeder sagt unser Homestay ist zu abgelegen, keiner fährt uns für einen halbwegs vernünftigen Preis hin. Hilfe!
Dann bleibt wieder ein schäbiger, gelber, kleiner Minibus stehen. "Where do you want to go?" Ich halte ihm mal mein Handy mit der google-maps Karte hin. Verwirrung. Er schüttelt den Kopf. Ein zweiter Indonesier kommt hinzu….es bildet sich eine Traube von Menschen um mich und mein Handy herum. Keiner weiß so recht, wo das Homestay ist. Wir fragen uns derweil, was für eine Unterkunft wir da eigentlich gebucht haben?
„Telephonenumber?" fragt schließlich der Minibusfahrer. Ja, haben wir zum Glück. Er versucht das Homestay anzurufen, um den Anfahrtsweg herauszufinden. Keiner hebt ab……ich suche nochmal die Adresse raus, plötzlich geht ein ahhhh durch die Runde und sie scheinen zu wissen, wo die Unterkunft liegt.
So, jetzt nur noch kurz den Preis verhandeln. „Road is very bad“ war seine Begründung für den hohen Preise….wir schauten seinen wackeligen Bus an und waren uns nicht mal sicher, ob der es überhaupt bis über die nächste Kreuzung schafft. Der Bus besteht eigentlich nur mehr aus Fahrer, vier Rädern und Lenkrad. Es wird langsam dunkel, also bleibt uns nichts anderes übrig als sein Angebot zu akzeptieren.
Während der Fahrt schauen wir auf Google Maps, ob zumindest die Richtung in die wir fahren stimmt. Schaut gut aus. Wir haben übrigens die ganze Zeit ganz genau (und richtig!) das Homestay in google maps eingezeichnet gehabt, nur wollte irgendwie niemand so recht dieser Karte glauben schenken. Kartenlesen ist nicht so ihr Ding. Stellen wir immer wieder in Indonesien fest. 

"I'm sorry. I'm sorry."

Inzwischen ist es finster geworden und die Straße wird immer schlechter und ruppiger. Schotterpiste wäre eine Übertreibung. Wir werden ordentlich durchgeschüttelt und halten unserer Rucksäcke fest, damit sie nicht aus dem Bus fliegen. Türen und Fenster hat der Bus nämlich auch nicht. Wenn ich an die dünnen Reifen des Kleinbusses denke, könnten wir eventuell noch eine Autopanne einlegen heute. Die Schlaglöcher werden tiefer. "Wo bitte ist unsere Unterkunft? Die ist ja am Arsch der Welt oder fährt der uns gleich zum Vulkan rauf?" schreie ich zu Roland rüber, weil der Motor des Busses schon aufheult.  
Der Fahrer tritt plötzlich voll ins Gas. Wir halten uns beide fest ein und schauen bei der Frontscheibe raus. Es geht steil bergauf und der Fahrer scheint zu wissen, dass sein kleiner Bus das ohne „Anlauf“ möglicherweise nicht schafft. Der Bus gibt gequälte Geräusche von sich und ein paar Sekunden später hängen wir fest. Shit. „I’m sorry, I’m sorry“ sagt der Fahrer. „Should we get out?“ fragen wir ihn gleich, da wir befürchten sofort abzurutschen oder im Graben zu landen. Wir steigen aus. Es ist stockdunkel, stehen mitten in der Pampa, nur Reisfelder und Palmenhaine umgeben uns. Der Beifahrer sucht bereits mit seiner Handytaschenlampe nach einem großen Stein, um ihn beim Reifen unterzuschieben, damit wir nicht weiter abrutschen. 

„Jetzt wird’s zum Anschieben“ 

sagt Roland. Und so war es auch. Als der Bus halbwegs gesichert ist, hat der Beifahrer auf indonesisch das Kommando gegeben, dass der Fahrer aufs Gas steigen soll. Ein anderer Mopedfahrer ist noch dazugestoßen, er schiebt auch mit an. Kupplungsgestank. Es hört sich grauenhaft an, als die Schrottmühle losfährt. Mir hat der alte gelbe Bus schon so leid getan. Ich echt dachte, dem Taxler sein Auto geht jetzt ein. 
Aber er hat es zum Glück über das steile Stück geschafft. Nur noch ein paar hundert Meter trennen uns vom Guesthouse. Es ist stockdunkel, es gibt natürlich keinerlei Straßenbeleuchtung hier draußen. Wir gehen zu Fuß den Hügel hoch, steigen wieder in den kleinen Bus ein. Das restliche Stück geht bergab, dass sollte zur Not auch ohne Motor gehen.

Jetzt nur noch das richtige Guesthouse finden. 

Wir halten an, sehen bereits auf Google Maps, dass das noch zu früh ist. Der Fahrer ist aber schon rausgesprungen und quatsch mit einem Typen. Nein, es ist nicht unsere Unterkunft. Ok, wir bleiben sitzen. Zwei Sekunden später ist es angeblich doch unsere Unterkunft. Wir sollen aussteigen, deutet uns der Besitzer der Unterkunft an, er möchte uns schon zum Zimmer führen. Etwas verwirrt fragen wir nochmal nach, ob das wirklich das „Kawa Ijen Guesthouse“ ist, das wir gebucht haben oder hier nur jemand ein Geschäft wittert. Anscheinend gehören die Homestays zusammen, drüben ist kein Zimmer mehr frei, deshalb sollen wir hier schlafen. Haben sie gesagt. Dem Taxifahrer drücken wir noch etwas Trinkgeld in die Hand, für die Strapazen seiner Nerven und da wir ja fast sein Auto ruiniert hätten. 
Wir gehen mal mit unserem angeblichen Unterkunftsbesitzer mit, stellen unsere Rucksäcke ins Zimmer. „Would you like to have some tea or food?“ Jep, nach der ganzen Aufregung haben wir ordentlich Hunger und bestellen uns eine Portion Fried Noodles (ist auch das einzige Gericht was er hat). In diesem Moment sind wir uns noch immer unsicher, ob wir tatsächlich in der Unterkunft gelandet sind, die wir gebucht haben. Auf den Fotos schaut es auf jeden Fall anders aus. Wir zeigen dem Besitzer nochmal unsere Buchungsbestätigung. Er nickt nur, spricht fast kein Englisch. Inzwischen ist das Essen gekommen. Aus den Nudeln ist gebratener Reis mit Spiegelei geworden, aber passt auch gut. 

Angekommen. 

Ein junger Kerl, Wafa, setzt sich zu uns und sagt, dass er vom anderen Guesthouse kommt und die Buchungen über booking.com verwaltet. Alles passt. Wir glauben, richtig angekommen zu sein. Wir fragen ihn ein bisschen über die Nacht-Vulkantour die wir hier machen möchten, aus. Da Ramadan aus ist, ist alles ausgebucht/überlaufen und wir sollen die Tour eventuell schon heute Nacht machen. Wafa geht schnell zurück in sein Haus um abzuklären, wann wir am besten die Vulkantour machen sollen. Als er zurückkommt, gibt es Neuigkeiten: Wir sollen das Zimmer wechseln und in das andere Guesthouse gehen. Also doch in das, was wir eigentlich gebucht haben. So, jetzt sind wir dann wohl wirklich in unserer Unterkunft angekommen haben wir uns gedacht. Die nette Besitzerin des falschen Homestays schenkt uns noch selbstgemachte Schokobananen (voll nett!) bevor wir in unser Guesthouse umziehen. Überall werden Raketen abgefeuert, weil alle das Ende des Ramadan, Idul Fitri, feiern. Als wir endlich in unserem richtigen Zimmer sind, lassen wir das gerade erlebte nochmal Revue passieren. Geschmeidige Anreise. Hundemüde fallen wir in unsere Betten.
Ab 4:00 in der Früh beginnt der Muezzin zu schreien. Mindestens drei Stunden. Und es sind immer die selben Wörter: Allah ah Akbar. Ramadan ist aus, und das gehört gefeiert. Und jeder der nicht mitfeiert wird zwangsbeglückt. Hilfe!

Dürfen wir vorstellen? Unser "Snackdorf"

Trotz des Muezzin-Geschreis können wir am vormittag noch ein bisschen schlafen. Als wir aufwachen, sehen wir endlich das abgelegene Dorf in dem wir gelandet sind bei Tageslicht. Es gibt ungefähr zwanzig Häuser. Auf der Straße spielen Kinder. Wir sind natürlich die einzigen Touris und es gibt zwei Personen im Dorf, die englisch sprechen. Es ist ruhig und geht sehr entspannt zu hier. Dorfleben auf indonesisch.
Größer könnte der Kontrast wohl nicht sein. Von unserer Yoga-Surf-Clean-Eating-Blase sind wir im hintersten Dorf Javas angekommen. Echtes Indonesien.



Das Frühstück ist - sagen wir mal anders. Damit ihr den Unterschied seht, tags zuvor in Bali: Homemade Kokos-Cashew Granola mit frischen Früchten, dazu Kokosjoghurt und der Juice of the Day.


In Banyuwangi gehts etwas deftiger zu. In den Bananenblattpäckchen in der Mitte ist gedämpfter Reis, dazu gibts ein Rinder- und ein Hühnercurry, eine Packung Instant-Fried-Noodels mit einem doppelt gebratenem Spiegelei oben drauf. Ja richtig, wir haben uns nicht in der Tageszeit getäuscht, das ist das Frühstück, nicht das Mittag- oder Abendessen. Als kleiner Vitaminlieferant ein Teller voller Orangen. Mahlzeit!


Bei unserem Homestay stehen einige Glasbehälter mit Snacks am Tisch. Als wir angekommen sind, haben sie uns gleich zwei solcher Gläser in die Hand gedrückt, zum Naschen. Soweit nichts besonderes. Am Nachmittag spazieren wir mal die Straße des Dorfes entlang. Alle Türen sind offen und wir sehen in die Wohnzimmer jedes Hauses rein. "Wie lustig, da stehen die gleichen Glasdosen mit Snacks wie in unserem Zuhause." Wir gehen weiter und finden in JEDEM der zwanzig Häuser diese Glasdosen. "Auf das Snackzeugs stehen sie wohl hier. Ab jetzt nennen wir es nur mehr das Snackdorf". Was es mit den Glasdosen auf sich hat, erfahren wir erst zwei Tage später.



Neben dem Fabel für Snacks halten sie hier auch etwas andere Haustiere.

Nein, nicht Hunde werden hier als Haustier gehalten sondern Flughunde.


Rauf zur Kokosnuss!


Die blaue Flamme des Vulkan Ijen

Wieso wir in dieses hinterste Dorf gereist sind? Weil es der perfekte Ausgangsort für eine Tour zum Vulkan Ijen ist. Das besondere an diesem Vulkan ist die blaue Schwefelflamme, die man nur bei vollkommener Dunkelheit sieht. Direkt im Krater schießt die Flamme aus der Erde empor. Sobald es hell wird, sieht man nichts mehr davon. Deswegen starten alle Touren zum Krater kurz nach Mitternacht. Aber der Vulkan ist nicht nur ein Naturphänomen, das bei Touristen beliebt ist. Gleichzeitig ist er auch Arbeitsplatz vieler Indonesier, die hier oben jede Nacht Schwefel abbauen. Eine harte Knochenarbeit, die oftmals sogar mit gesundheitlichen Schäden einher geht. Der Vulkan ist eine Touristenattraktion und gleichzeitig einer der härtesten Arbeitsplätze der Welt. Wir haben lange überlegt, ob wir diese Tour machen sollen und uns letztendlich doch dafür entschieden.

Wafa und Kholik sind die einzigen zwei Menschen, die in dem Dorf Englisch sprechen. Da es weder Internet hier gibt und das Taxi in das nächst größere Dorf fast eine Stunde gebraucht hätte, waren wir sehr auf ihre Hilfe bei der Organisation der Tour zum Ijen angewiesen, weil wir vorher natürlich nichts gebucht hatten. So sind wir mit einem der beiden den Vulkan raufmarschiert. Los gings um kurz nach Mitternacht.


Die Nacht war definitiv zu kurz. Um 00:30 sind wir von Wafa und Kholik abgeholt worden. Mit dem Auto gehts erstmal eine Stunde bergauf. Um 1:30 parkt Wafa den Jeep auf dem Parkplatz. Durch die Scheinwerfer des Autos sehen wir bereits die ersten Iglo-Zelte, in denen die Minenarbeiter schlafen. Bis zum Krater müssen wir gut eine Stunde hoch wandern. Neben uns gehen auch die Minenarbeiter zum Krater hinauf. Sie bauen Schwefel ab und tragen diesen in Körben die bis zu 90 kg wiegen hinunter ins Tal.


Der Abbau ist gefährlich, die Minenarbeiter müssen Gasmasken tragen, da der beißende Schwefelgeruch das Atmen unmöglich macht. Ihre Körper sind geschunden von der schweren Arbeit, viele leiden an Lungenkrankheiten. Im Tal verkaufen sie den Schwefel für 60 Cent das Kilo, ein Spottpreis angesichts der großen Gefahren, die die tägliche Arbeit mit sich bringt.
Kholik, unser Guide, hat selbst sieben Jahre lang diesen schweren Job gemacht. Damals waren die Bedingungen noch schlechter, er hatte zu Beginn nicht einmal eine Gasmaske, sondern nur einen einfachen Schal als Atemschutz. Als wir im Finsteren mit unseren Taschenlampen in der Hand den Aufstieg beginnen, grüßt er alle Minenarbeiter mit Handschlag. Er kennt sie noch von damals. „Mit ihm habe ich im Zelt geschlafen“, erklärt er uns, nachdem er mit einem Mann kurz gequatscht hat.
Der Aufstieg dauert gut eineinhalb Stunden. Es ist eine glasklare Nacht, die Sterne leuchten hell über uns und wir können die Milchstraße erkennen. „You are lucky. Good weather and the winds are coming from the east. So there will not be so much smog“ erklärt uns Kholik. Die Gasmasken müssen wir daher erst später aufsetzen. Umso höher wir kommen, umso beißender wird der Schwefelgeruch. Unser Tempo wird langsamer und wir brauchen mehr Pausen. „Here, take this“ sagt Kholik und gibt uns beiden einen Mundschutz. Für die Gasmasken sei es noch etwas zu früh, meint er. Wir setzen den Mundschutz auf und können wieder etwas besser atmen. 

„Taxi, Taxi“

Hören wir die ganze Zeit die Minenarbeiter rufen. Um sich ihren Lohn aufzubessern, schieben sie Touristen auf einer Art Leiterwagerl rauf zum Vulkan. Es wirkt total verstörend auf uns, wenn die asiatischen Touris sich auf so einem Wagerl von drei Männern den steilen Weg hochziehen lassen. Zwei ziehen vorne, der Dritte schiebt hinten an. In manchen asiatischen Ländern ist es ein Zeichen von Wohlstand nicht mehr selbst gehen zu müssen. Neben den Tourifuhren gehen andere Minenarbeiter mit ihren 90 kg schweren Schwefelkörben hinunter. Einer der härtesten und gefährlichsten Arbeitsplätze der Welt ist gleichzeitig eine Touristenattraktion. Auch für uns ist es ein komisches Gefühl. 
Viele bessern mit dem Taxi-Dienst ihren mickrigen Lohn auf, erklärt uns Kholik später. „Now they have the choice: go into the mines or Transport tourists to the top. Both is a hard job, but they can choose.“ Er sieht es auch als Segen, dass nun mehr Touristen die Minen besuchen, da jeder Minenarbeiter jetzt eine Gasmaske besitzt. Gleichzeitig behindern die Menschenmassen natürlich auch oft die Minenarbeiter bei ihrer täglichen Arbeit, da auf den schmalen Wegen nur wenig Platz ist.

Wir fragen Kholik viel über seine Zeit als Minenarbeiter aus. Es wirkt, als würde er den Job nicht so gefährlich sehen wie wir. Aber er sagt trotzdem „I put my son in the good school. I don’t want him to work as hard as I did. He should have a better life.“ 60 Euro Schulgeld muss er jedes Monat bezahlen. Das ist sehr viel, wenn man bedenkt der Durchschnittslohn beträgt ca. 250 Euro pro Monat in Indonesien. 

Der Pfad schlängelt sich die letzten Meter hoch zum Kraterrand und wir sehen unter uns die vielen Leuchtkegel der Taschenlampen. Jetzt geht es hinunter zur blauen Flamme. Der Weg ist steinig, Kholik leuchtet uns mit seiner Handytaschenlampe den Weg. „Be careful. Better take this way“, sagt er ständig. Er kennt den Weg, ist ihn selbst sieben Jahre lang täglich drei mal gegangen, mit Schwefelbrocken von bis zu 90 kg auf seinen Schultern. Für uns ist es unvorstellbar, diesen steilen Weg mit solch einer Last zu gehen. Er hebt einen losen Stein der am Weg liegt weg, damit keiner der Touris ausrutscht. Man merkt, wie wichtig es ihm ist, dass alle Touristen sicher hinunter kommen, nicht nur wir, seine „customer“ wie er immer gesagt hat. Der Schwefelgeruch wird immer stärker und Kholik packt schließlich die Gasmasken für uns aus. Wir setzen sie auf und er überprüft noch einmal, ob sie auch richtig sitzen. Das Atmen ist jetzt leichter für uns, auch wenn die Masken unangenehm zu tragen sind. Und ziemlich spooky aussehen.



„Turn off the flashlights“ ruft er in die Menge, als wir nahe der blauen Flamme stehen. Nur bei Dunkelheit kann man sie in voller Pracht bestaunen. Er nimmt Rolands Handy und geht ein Stückchen näher zur Flamme, um ein besseres Foto für uns zu schießen. Touristen dürfen nicht so nahe zur Flamme, da es zu gefährlich ist. Angst kennt er nicht. Das zeichnet auch die Minenarbeiter hier aus, sie bezeichnen sich selbst als „harte Kerle“ und sind auch stolz darauf, so einen harten Job zu bewältigen. Für uns ist das unvorstellbar, wir sind geschockt von den harten, gefährlichen Arbeitsbedingungen am Ijen.


Nach gut zehn Minuten kehrt er mit ungefähr hundert Fotos von der blauen Flamme zurück. Es wirkt, als wäre er von ihr magisch angezogen. Wir frieren und haben inzwischen bereits unsere warmen Daunenjacken angezogen.


Es beginnt zu dämmern und wir machen uns auf den Weg zum Aussichtspunkt für den Sonnenaufgang. Wir gehen an einer Menschenmasse vorbei. „This spot is not so good for watching the sunrise. Just guides that are interested in making short tours and earning money stay here. Better we go up“, sagt Kholik zu uns. Und wir gehen wirklich an ein einsames Ende, wo wir wunderbar den Sonnenaufgang beobachten können. Hinter uns der Kratersee, ganz unten sieht man noch immer die Schwefelwolke, die blaue Flamme ist bereits nicht mehr erkennbar.



„Ein neuer Tag unserer Weltreise beginnt“, sagt Roland zu mir. Total glücklich beobachten wir in Ruhe, wie sich die Sonne über die Wolken hervor schiebt. Dann entdecken wir ein neues Talent von Kholik: Fotografieren. Er will unzählige Fotos von uns machen, positioniert uns. „Move your head a little bit more in this direction. And Regina, could you put your hair behind your ear?“ Er hat Riesenspaß dabei, das perfekte Foto von uns zwei bei Sonnenaufgang zu machen und wir können uns das Grinsen kaum verkneifen bei seinen Anweisungen. Auch von Roland in Fotoaction ist er voll begeistert und fotografiert ihn.




Ein Selfie mit Kholik
Eine ziemlich gute Fotoreportage über das Leben der Minenarbeiter findet ihr übrigens hier. Laut Kholik hat sich in den letzten Jahren die Lage der Arbeiter etwas gebessert und sie ist nicht mehr so schlimm, wie in dieser Reportage dargestellt. Seiner Meinung nach haben auch die zahlreichen Touristen dazu beigetragen, dass die Unternehmen die Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter etwas verbessert haben bzw. können sich die Minenarbeiter durch ihren Touri-Taxidienst ihren Lohn etwas aufbessern.

Zum Schluss lüften wir noch das Rätsel des Snackdorfes

Wieder zurück in unserem Dorf nach der Tour haben wir erstmal geschlafen. Am Nachmittag haben wir das gemacht, was man eben so in einem Dorf macht. Kaffeetrinken bei Bekannten/Verwandten/Freunden. Da Kholik neben Wafa der einzige war der englisch spricht, gabs Kaffee und Snacks bei ihm daheim. Roland und ich haben uns gleich angegrinst, als wir wieder die Snackdosen am Wohnzimmertisch entdeckt haben. Die Lösung des Rätsels: Während Ramadan besuchen die Indonesier viele Verwandte und sie servieren ihren Gästen diese selbstgemachten Snacks, erklärt uns Kholik. Wir probieren uns quer durch die gesalzenen Nüsse, Sojabohnen, Kekse und eingelegten Früchte die Kholiks Frau zubereitet hat. "Eigentlich ist das vergleichbar mit unseren Weihnachtskeksen" stellen Roland und ich fest. Jeder Haushalt im Dorf hat eine eigene Variation und serviert sie seinen Gästen.


Nach drei Tagen entspanntem Dorfleben verlassen wir das Snackdorf. Wir sind begeistert von der Gastfreundlichkeit der Menschen in Banyuwangi und fragen uns, wieso wir Österreicher nicht mit solch einer Herzlichkeit gesegnet sind?

Unsere nächste Station ist die Insel Borneo. Wir wollen unseren behaarten Vorfahren einen Verwandtschaftsbesuch abstatten. Mehr dazu im nächsten Blogpost.






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